Schweizerischer Katholischer Presseverein
Association Catholique Suisse pour la Presse
Associazione Cattolica Svizzera per la Stampa

Kirchliche Medienarbeit auf Facebook und Co. Gefällt mir!

Wer auf 100 Jahre kirchliche Medienarbeit zurückblickt, kommt sich wohl wie ein Steinzeit-Forscher vor. Und für die Veränderungen in der Mediennutzung sehe ich noch lange kein Ende. Dem hat sich die Kirche zu stellen. Dazu vier Thesen:

1. Kirchliche Medienarbeit ist Verkündigung

Verkündigung ist pastorale Arbeit. Einige Formen der Verkündigung haben sich im Laufe der Jahre kaum verändert. Andere sehr stark. Aber, ist Medienarbeit überhaupt Verkündigung? Ich meine ja. Und in der heutigen Zeit sogar eine sehr wichtige Form der Verkündigung.

Medien sind Transportgefässe für Informationen, Meinungen und Unterhaltung. Im besten Fall laden sie zur Auseinandersetzung und zum Dialog ein. Das will Verkündigung auch. Medien haben aber immer ein «Dazwischen». Wo sich in der traditionellen Verkündigung Mensch und Mensch gegenüberstehen, gibt es hier zwischen A und B ein Papier, ein Mobiltelefon oder einen Bildschirm und sicher eine ganze Menge elektronischer Daten.

Will die Kirche Menschen mit ihren Inhalten erreichen – und das will sie bestimmt – so muss sie Kanäle wählen, über die ihre Botschaft ankommt. Es geht nicht darum, Gottesdienste, kirchliche Bildungsangebote oder den Religionsunterricht gegen Medienarbeit auszuspielen. Ganz und gar nicht. Heute lässt sich aber der Begriff Verkündigung viel weiter denken. Wo geschieht heute religiöse Grundbildung? In der Schule, im Religionsunterricht. Möglicherweise wird Zuhause das eine oder andere Thema aufgenommen. Dann ist aber meistens Schluss. Dann muss sich jeder selber darum kümmern, an Informationen über und aus der Kirche heranzukommen.

Verhält sich die Kirche hier passiv, verpasst sie eine Chance. Oder, wie es der neue Bischof von Mainz, Peter Kohlgraf, in einem Interview sagte: «Wenn ich in den Chemie-Unterricht ginge, und Sie erklären mir eine chemische Formel, dann kapiere ich die, aber lebensrelevant wird sie für mich nicht. Und ich glaube, dass das genau die Situation von vielen Kindern und Jugendlichen ist, die Religionsunterricht lernen. Die kennen auch zum Teil ein paar Inhalte, aber es wird nie ins Leben übersetzt. Und dann vergisst man die Dinge wieder – das ist, glaube ich, auch relativ normal.» Man vergisst also die «Dinge» über Kirche und Religion im Allgemeinen wieder. Das führt mich zu einer zweiten Behauptung:

2. Präsenz in den neuen Medien ist für die Kirche ein Muss

Die Kirche will mit ihren Inhalten aktiv auf die Menschen zugehen. Das erfordert, dass sie weiss, wen sie ansprechen will und wie sie das tun kann. Dafür benötigt es umgekehrt Informationen über Art und Weise, Zeiten und Orte, wo die gewählte Zielgruppe zu erreichen ist. Das sind an sich klassische Marketingfragen. Die Antworten darauf sind, nicht nur, aber zu einem grossen Teil, Kommunikations- und Medienkonzepte. Das heisst: Kommunikation und Information gehören heute zu pastoraler Arbeit. Denn, um die Aussage von Peter Kohlgraf aufzunehmen, wo Inhalte nicht ins Leben übersetzt werden, sind sie bald vergessen.

Die grosse Herausforderung hier ist, dass die Adressaten auf einem sehr unterschiedlichen Wissens- und Erfahrungsstand sind. Erst recht haben nicht alle die gleiche Bereitschaft, sich wieder oder überhaupt einmal mit kirchlichen Themen auseinanderzusetzen. Die Zielgruppe muss also nicht nur möglichst konkret benannt werden, es geht auch darum, die zu vermittelnden, zu verkündigenden Inhalte genau auf sie auszurichten.

«Das ist nicht Sache der Seelsorge», lässt sich einwenden. Aber warum eigentlich nicht? Seelsorgerinnen und Seelsorger müssen dabei ja nicht alles selber machen, wenn es ihnen nicht liegt. Spätesten hier kommen an Religion interessierte Medienfachleute ins Spiel. Ihre Stärke ist es, Inhalte des kirchlichen Geschehens so aufzuarbeiten, zu übersetzen, zu verbreiten, dass sie «ankommen». Dazu gehört allerdings auch eine kritische Auseinandersetzung mit diesen Inhalten. Denn Medienarbeit ist keine Einweg-Kommunikation. Besonders nicht in den sozialen Medien: Hier ist jede Information sofort der Diskussion ausgeliefert. Das führt zu einer weiteren These:

3. Kirchliche Medienarbeit ist Dialog

Die Zeiten, als der Pfarrer auf der Kanzel den Tarif durchgab, sind vorbei. Ich (54) habe sie nicht mehr erlebt. Die Auseinandersetzung mit Glaubensinhalten hat meiner Beobachtung nach aber bis heute etwas Ausschliessliches, etwas Hierarchisches. In der gegenwärtigen Medienarbeit funktioniert das allerdings nicht. Der Mediennutzer ist gewiss zu einem überwiegenden Teil Konsument. Das heisst, er schnappt sich aus dem riesigen Angebot die Inhalte, die ihn ansprechen. Wenn ihm etwas nicht passt, wird das meistens mit einem Grummeln zur Kenntnis genommen.

In den Sozialen Medien sind die Reaktionsmöglichkeiten aber viel weiter gefasst. Die Schwelle, sich zu Wort zu melden, ist liegt sehr tief und es geht alles immer schneller. Reaktionen beschränkten sich längst nicht auf einen Dialog zwischen einem Sender und einem Empfänger. Sehr schnell führt ein Positionsbezug, erst recht ein polarisierender Inhalt zu einer breiten Debatte.

Das verlangt umgekehrt von kirchlicher Medienarbeit auf Facebook, Twitter und allen weiteren Social-Media-Kanälen die Bereitschaft, einen Inhalt nach erfolgter Veröffentlichung im Auge zu behalten und sich bei Reaktionen darauf offen und schnell auch wieder selber einzubringen. Gewiss, die Art und Weise, wie hier teilweise kommuniziert wird, ist nicht jedermanns Sache. Will die Kirche heute mit ihrer Botschaft über den bekannten, inneren Kreis ihrer Gemeindemitglieder hinaus wahrgenommen werden, kommt sie um Präsenz in den Neuen Medien nicht herum. Darum die letzte Behauptung:

4. Medienarbeit heute ist immer auch Moderation

Hauptaufgabe der Medien ist und bleibt die Information. Die unterliegt bereits einer gewissen Wertung – der Absender entscheidet, worüber berichtet wird und worüber nicht. Wichtig bleiben aber auch hier grundlegende journalistische Kriterien. Immer bedeutender werden dabei die Einordnung von innerkirchlich bekannten Geschehnissen in unsere Zeit in einer verständlichen Sprache sowie der Mut zum Positionsbezug. Kommentierende Formen oder – wozu sich die Neuen Medien sehr gut eignen – offen gestellte Fragen laden Kreise zu einer Debatte ein, die die Kirche sonst wohl gar nicht anzusprechen vermag.

Interessant für die kirchliche Medienarbeit wird es hier, weil sich durch die niedrigen Hürden und die kurzen Wege Menschen ansprechen lassen, die sich mit einem völlig anderen Hintergrund mit Religion auseinandersetzen, als kirchlich sozialisierte Gemeindemitglieder. – Die werden sich natürlich umgekehrt mit ganz anderen Fragen, Entgegnungen und Widersprüchen in die Diskussion einschalten. Hier genau hinzuschauen und hinzuhören und daraus Impulse und Konsequenzen für die weitere Arbeit in den Medien und der Pastoral zu ziehen, ist eine Chance für den Absender. Es bietet sich hier die wertvolle Möglichkeit, Stimmen und Haltungen zu Religion und Kirche kennenzulernen, die vorher kaum Öffentlichkeit erreicht haben.

Kirchliche Medienarbeit ist bei dieser Form der Verkündigung auch Mittler zwischen Repräsentanten aus Kirche und Religio sowie dem aktiven Mediennutzer von heute. Auch Medienschaffende und Kommunikationsfachleute in der Kirche sind immer mehr gefordert, zwischen Information und Reaktion, zwischen Kritik und Unterstützung zu moderieren. Neue Kommunikationsmittel haben deshalb nicht nur Auswirkungen auf die Form der verbreiteten Inhalte, sondern verändern gleichzeitig die Art und Weise des Auftritts der Kirche in der Öffentlichkeit. – Ein Beispiel: Der frühere Abt des Klosters Einsiedeln, der Benediktiner Martin Werlen, hat sich und damit der Kirche mit seinen Tweets ein ganz neues Publikum erschliessen können.

Wenn die Kirche über die Medien wahrgenommen werden will, muss sie sich den dort geltenden neuen Formen der Kommunikation stellen. Auf den Kanälen neuer Medien nahe dran zu sein, zu beobachten und sich einzubringen ist, davon bin ich fest überzeugt, eine zeitgemässe Form der Verkündigung.