Betont das Kreuz nicht zu sehr Leid und Tod?
Erst seit dem 11. Jahrhundert wurde der Gekreuzigte selbst dargestellt, aber zunächst nicht leidend, sondern als Sieger – thronend auf dem Kreuz. David Steindl-Rast, christlicher Mönch, aber auch im Buddhismus zuhause, erläutert, in welchem Sinn uns das Kreuz erlöst.
Von David Steindl-Rast
Erschienen im Pfarreiblatt Uri Schwyz 05/26
Wenn wir «Kreuz» sagen, denken wir vielleicht zunächst an ein Kruzifix – ein Bildnis des leidenden Jesus. Dieses Motiv der christlichen Kunst gab es aber in der ersten Hälfte der Kirchengeschichte – also über 1000 Jahre lang – überhaupt noch nicht.
Ursprünglich war das mit Edelsteinen geschmückte Kreuz ein Symbol für den Triumph über Leid und Tod.
Kein leidloser Gott – das tröstende Kruzifix
Erst unter dem Druck übergrossen Leids im Mittelalter, man denke an die Kreuzzüge und die Pest, hat sich diese Vorstellung geändert. Heute sind unsere Kirchengebäude – und damit leider allzu oft auch unsere Vorstellungen – voller Bilder von Jesus Christus, der gefoltert und leidend am Kreuz hängt.
Dies, zusammen mit einer unzureichenden, legalistischen Sündendeutung, hat eine verzerrte, schuldbesessene religiöse Kultur hervorgebracht: «Wegen meiner Sünden wurde Jesus gefoltert und gekreuzigt.»
Für eine gesunde Frömmigkeit kann das Kruzifix allerdings zutiefst tröstlich sein. Dass das Leiden Jesu gerade im Mittelalter in der Kirchenkunst so zentral wurde, ist ja kein Zufall, sondern das damals überhandnehmende Elend suchte Trost darin, dass Jesus gelitten hat wie wir. Matthias Grünewalds Gekreuzigter vom Isenheimer Altar wurde für Leprakranke gemalt und hat vielen von der Krankheit entstellten Menschen Trost gebracht.
Leid gehört eben zum Ganzen des Lebens. Selbst auf den Hausaltären hinduistischer Familien findet sich häufig ein Bild des «leidenden Gottes» – meist allerdings kein Kruzifix, sondern eine Darstellung von Jesus am Ölberg, wie er Blut schwitzt.
Den Egoismus durch Verbundenheit überwinden, das ist für den Benediktiner David Steindl-Rast eine der zentralen Aussagen des Kreuzes.
Bild: Verena Kessler / Wikimedia Commons

Sieger, weil Christus Gegensätze versöhnt
Die Kunst der Gegenwart stellt den Gekreuzigten oft wieder als Sieger dar und erfüllt damit ein Bedürfnis vieler Christen unserer Zeit. Als Joseph Campbell (1904-1984), ein führender Mythologe des 20. Jahrhunderts, das Krankenzimmer betrat, in dem er sterben würde, sah er an der Wand ein solches Kruzifix mit Christus als Triumphator. «Ah», rief er aus, «das ist das Kreuzigungsbild, das ich zeitlebens gesucht habe!»
Tragendes Symbol des Christentums ist daher nicht das Kruzifix mit dem leidenden Christus, sondern das abstrakte kreuzförmige Zeichen, das wir auf Kirchtürmen oder an Halsketten finden. Darunter ist das «kosmische» Kreuz mit gleichlangen Armen besonders wichtig wegen seiner Universalität.
Im Gegensatz zum «lateinischen» Kreuz, bei dem der senkrechte Pfahl länger ist als der Querbalken, erinnert es in seiner Symmetrie an die Windrose auf Weltkarten. Und da es zwei einander auskreuzende Linien vereint, finden wir es in vielen Kulturen als Sinnbild für die Versöhnung von Gegensätzen. Von Christen wird es oft mit dem Wort Jesu Christi im Johannesevangelium in Verbindung gebracht: «Wenn ich am Kreuz über die Erde erhöht bin, werde ich alles zu mir ziehen.» (Joh 12,33).
Kreuz und Auferstehung sind untrennbar eins. Gott will Freude und Leben. Durch das Kreuz hat er Leid und Tod «aufgehoben».
- Gott hat das Kreuz selber auf sich genommen. Seit damals gilt: Wo ein Wesen leidet, da leidet Gott. Damit wurde das Leiden auf eine neue Ebene «emporgehoben».
- Durch den Tod Jesu wurde aber auch das Kreuz als Sinnbild für Leid und Tod «aufgehoben» im Sinne von «abgeschafft».
- Es wird noch in einem andern Sinne «aufgehoben» – nämlich «aufbewahrt»: als die Gelegenheit, auch noch in Leid und Tod mit Gott verbunden zu sein. Das Kreuz verkündet also triumphierend die Botschaft, dass nicht einmal Leid und Tod uns trennen können von Gottes befreiender Liebe.
Ganz eingehüllt in die göttliche Lebenskraft
Es ist ein schönes Alltagsritual, wenn Eltern ihre Kinder – oder auch Freunde einander – mit einem Stirnkreuz segnen. Am Beginn eines Tages oder einer neuen Tätigkeit bekreuzigen sich viele Christen: Stirn zu Herz und Schulter zu Schulter. Sie hüllen sich durch diese Geste symbolisch ganz in die göttliche Lebenskraft des Kreuzes ein.
Exklusiver Vorabdruck aus dem neuen Buch, das zum 100. Geburtstag von David Steindl-Rast erscheint: David Steindl-Rast, Mario Quintana: Worauf es letztlich ankommt. 100 Fragen – 100 Antworten. Tyrolia Verlag, ab Mai 2026.

Bild mit Kreuzen: Das keltische Kreuz mit seiner Kreisform steht für Einheit, Ewigkeit und die unbesiegbare Liebe. Bild: zVg
