«Die Liebe ist deine einzige Aufgabe»

Das Angebot von Grossen Exerzitien im Alltag 2025/2026 hat viele motiviert, sich in Gruppen auf den Weg zu machen. Die Initianten berichten über die spirituelle Bewegung, die das Projekt ausgelöst hat – und was es mit den Menschen, die teilnehmen, macht.

Von Hildegard Aepli, Annette Schleinzer, Mirjam Wey

Erschienen im Pfarreiblatt Uri Schwyz 06/26 als gekürzte Fassung aus dem Internetportal «feinschwarz»

Über 90 Gruppen aus der Schweiz, Deutschland und Österreich sind gemeinsam auf einen sechsmonatigen geistlichen Weg gegangen. Nie hätten wir gedacht, dass dieses Projekt so grosse Resonanz finden würde. Unser Begleitbuch wurde 2500-mal verschickt.

Angespornt durch die positiven Erfahrungen mit dem Angebot von Grossen Exerzitien im Alltag zum 175 Jahr-Jubiläum des Bistums St.Gallen im Jahr 2021/22 entwickelten wir ein zweites Begleitbuch mit dem Titel «Gott einen Ort sichern». Biblische Impulse zu den Sonntagsevangelien kombinierten wir mit Texten von Madeleine Delbrêl.

Was vor wenigen Jahren als Versuch begann, hat sich zu einer ökumenischen Bewegung entwickelt und zieht immer weitere Kreise. Der offizielle Start fand am vergangenen 16. November in der Kathedrale St.Gallen statt mit rund 400 Teilnehmenden. Der Anlass endete mit einer persönlichen Segnung aller Anwesenden. Ihnen wurde für den sechsmonatigen Weg einzeln mit einem Zitat von Madeleine Delbrêl zugesprochen: «Die Liebe ist deine einzige Aufgabe.»

Sehnsucht nach Tiefe und Gemeinschaft

Es zeigt sich, dass viele Menschen Sehnsucht nach geistlicher Vertiefung und nach einem Übungs- und Erfahrungsweg im konkreten Alltag haben. Mit der Zusage zu diesem sechsmonatigen Weg gehen die Teilnehmenden eine grosse Verbindlichkeit ein. Sie lassen sich täglich auf persönliches Beten und auf monatliche Gruppentreffen ein. Einige tun dies auch online. Hier finden sie Gleichgesinnte – Suchende in der Gottesbeziehung und passenden Glaubensausdruck.

Das Leben mit Gott tanzen
Sich vertrauensvoll
seinen Armen überlassen,
was auch kommen mag.
In die Musik seines Geistes einschwingen.
Schwerelos sein.

Madeleine Delbrêl

Hier wird Gemeinschaft erlebt über den Austausch der eigenen Erfahrungen. Hier wird gesungen, getanzt, gebetet und Stille angeleitet. An vielen Orten wird den Teilnehmer*innen zusätzlich die geistliche Begleitung empfohlen, um einmal pro Monat im Vieraugengespräch über Widerstände und auftretende Fragen sprechen zu können. Zugleich fördert das Projekt die Ökumene, da sich Katholikinnen, Reformierte und Freikirchliche gemeinsam auf diesen Weg begeben. Eine Teilnehmerin sagt: «Diese Grossen Exerzitien boomen – weil sie Herz, Glauben und Gemeinschaft auf neue Weise verbinden.»

Unterwegs zu einer tanzenden Kirche?

Es war uns bald klar, wie sehr das Lebenszeugnis und die Texte von Madeleine Delbrêl einen durchgängigen roten Faden in den Grossen Exerzitien bilden können: Ob es darum geht, eine zeitgemässe, bodenständige Alltagsspiritualität für die «Leute vom gewöhnlichen Leben» zu finden – oder um die Frage nach der Verkündigung des Glaubens in einer säkularen Umgebung: Die Erfahrungen von Madeleine Delbrêl sind wegweisend. Nicht zufällig gilt sie deshalb als Prophetin für eine erneuerte Kirche.

«Ich komme im tiefsten Kern bei mir an»

Madeleine Delbrêl hat darüber nachgedacht, wie sie ihre Liebe zum Tanz mit dem Glauben an Gott verbinden könnte. Daraus ist eines ihrer bekanntesten Gedichte entstanden: «Der Ball des Gehorsams». Das eigene Dasein, ja den eigenen Lebensweg als einen «Tanz in den Armen Gottes» verstehen. Auch das Schwere darf darin seinen Platz haben. Und das alles mitten im Alltag mit seinen Herausforderungen. Das macht Madeleine Delbrêls Spiritualität aus.

Die Teilnehmer*innen bestätigen die Bedeutung dieser Gebetszeit im Alltag: «Ich habe mich schnell wohl gefühlt, dazusitzen jeden Morgen ‹am Brunnen›», sagt P. «In der täglichen Einkehr empfinde ich es so, als ob mich jemand an die Hand nimmt und mich dort sicher hindurchbegleitet und ich dabei immer ein Stückchen weiter im tiefsten Kern bei mir ankomme», ergänzt A. Und D. meint: «Diese stille Zeit mit Gott trägt! Meine Tage erhalten ein anderes Gewicht und Gepräge. Es ist mehr Gott drin.»

Die Rückmeldungen motivieren, ein Nachfolgeprojekt anzudenken. Wahrscheinlich starten die nächsten «Grossen Exerzitien im Alltag» am 1. Advent 2028.

Wir danken dem Internetportal «feinschwarz» für die freundliche Genehmigung zum Abdruck

Bild oben: Im Alltag eine fixe Zeit für Stille und Gebet zu reservieren – für viele Teilnehmer*innen fühlt sich das an wie der Gang zu einer Quelle, um aufzutanken, um zu sich zu kommen. Bild: mav