«Freiheit ist etwas, wofür wir kämpfen müssen»
In Ungarn ist Viktor Orban nach 16 Jahren an der Macht abgewählt worden. Die Theologin Rita Perintfalvi hat sich mit grossem Mut und Engangement dieser Politik des Hasses entgegengestellt und jüngst dafür den Herbert-Haag-Preis erhalten. Wir veröffentlichen hier einen Auszug aus ihrer Dankrede.
Von Rita Perintfalvi
Erscheint im Pfarreiblatt Uri Schwyz, Ausgabe 07/26 vom 16. Mai 2026
Meine sehr verehrten Damen und Herren,
lassen Sie mich gleich zu Beginn an eines meiner grossen Vorbilder erinnern: den Russen Alexej Nawalny. Er ist der mutige Kämpfer, der es wagte, sich dem Terror Putins entgegenzustellen. Nawalny wusste, dass Freiheit keine Selbstverständlichkeit ist. Im Gegenteil. Freiheit ist etwas, für das wir unaufhörlich kämpfen müssen – jeden einzelnen Tag. Denn jeden Tag kommt jemand daher, der sie uns wegnehmen will. Wer also in Freiheit leben will, muss sich notwendigerweise mit den unterdrückerischen Mächten auseinandersetzen.
Ich wusste, dass mein Land mich brauchte
Zehn Minuten Redezeit reichen nicht, um zu erklären, was es bedeutet, im Jahr 2026 die Normalität in Ungarn zu vertreten. In einem Land, in dem die Macht den Krieg im Namen des Friedens führt. Nicht gegen einen fremden Feind oder Eindringling, sondern gegen diejenigen, die in diesem Land zu Hause sind.
Zunächst haben sie einen Krieg der Worte geführt. Menschen wurden gebrandmarkt, dann juristisch kriminalisiert und manchmal regelrecht dämonisiert. Menschen, die aufgrund ihres Geschlechts, ihrer ethnischen Zugehörigkeit, ihrer Herkunft, ihrer Religion oder ihrer sexuellen Orientierung nicht zur weiss-männlich-heterosexuell-christlichen Matrix gehören, wurden von den anderen nicht mehr als Menschen anerkannt.
Ein Krieg im Namen der Normalität
Denn wenn jemand kein Mensch ist, kann die gegen ihn angewendete Gewalt nicht moralisch hinterfragt werden. Tatsächlich tun sie dies nur, um ihrer Meinung nach die bestehende Ordnung, die «Normalität», die Familie und die Kinder zu schützen. Und sie glauben, dass sie keine Mörder, sondern Helden sind.
Ein Regime, das die Menschenrechte mit Füssen trat, startete eine Reihe extremer Angriffe gegen mich. Angriffe, die meine persönlichste Integrität verletzten. Ich wurde von der Fürsprecherin der Opfer selbst zum Opfer. Die Rollen waren innerhalb eines Augenblicks vertauscht.
Zehn Minuten sind zu kurz, um Ihnen zu erklären, wie schmerzhaft es für mich als gläubige Christin ist, die Kollaboration der Kirchen mit einer neofaschistischen Diktatur zu beobachten, die für sich beansprucht, christlich zu sein. Ebenso schmerzt mich das servile Schweigen der Kirchenführer angesichts des Abbaus der Demokratie, der Verletzung der Menschenrechte und sogar des Missbrauchs von Kindern. Respekt vor den wenigen Ausnahmen, die versucht haben, Widerstand zu leisten, dafür aber niedergemacht und bestraft wurden!
Nein, ich halte niemanden für christlich, der glaubt, dass eine Politik des Hasses akzeptabel ist.
Rita Perentfalvi. Die Theologin wurde durch ihr Engagement selbst ausgegrenzt und verleumdet.
In meiner eigenen Kirche heimatlos
Und nein, ich halte niemanden, der glaubt, dass Hass stärker sein kann als Liebe, für einen Christen. Im Gegenteil: Ich halte niemanden für christlich, der glaubt, dass eine Politik des Hasses akzeptabel ist. Ich kann keine Gemeinschaft mit einer Kirche eingehen, die sich auf die Seite der Unterdrücker und Aggressoren stellt, statt sich mit den Opfern zu solidarisieren.
Es gibt Herausforderungen im Leben, die uns sogar das Antlitz Gottes verbergen können. Diese Stunden sind die hoffnungslosesten. So erging es mir im letzten Sommer. Gerade in dieser Zeit erhielt ich die Nachricht, dass ich diese wunderbare Auszeichnung erhalten würde. In diesem Moment war das für mich nicht nur eine Ehrung, sondern auch eine Erfahrung, dass es Gott gibt. Und dass er auch in der dunkelsten Stunde bei mir ist. Und zwar durch seine Freund*innen, die mich nicht im Stich gelassen haben. Diese Dankbarkeit kann ich nie angemessen in Worte fassen.
Eine Krankheit, die die Welt angesteckt hat
Solange unsere Herzen Blut in unsere Adern pumpen, können wir Widerstand leisten und lieben. Liebe ist die einzige wirkliche Heilung für den Hass und die Wunden dieser gebrochenen Welt. Was in Ungarn geschieht, ist nur ein Symptom für die Krankheit, die unsere ganze Welt angesteckt hat. Die Demokratie, das Menschenrechtsdenken und die gesamte westliche Zivilisation, in deren Zentrum die Botschaft des menschgewordenen Gottes, die Lehre des Meisters über die Nächstenliebe steht, befinden sich in Gefahr.
Diese Liebe kann nicht gleichgültig bleiben, wenn andere verletzt werden oder ihnen die Freiheit genommen wird. Die jesuanische Radikalität der Liebe ist eine Art Mut, die die Kosten des Handelns niemals abwägt. «Welches Opfer ist erforderlich?», fragt sie nie. Sie tut nur ihre Aufgabe. Sie ist einfach, selbstverständlich und heiter. Denn sie weiss, dass nach dem Karfreitag immer eine Auferstehung folgt. Aber immer erst danach!
Vielen herzlichen Dank!
