In der Geistlichen Begleitung wird Gott ins Spiel gebracht
Alltagsfragen, berufliche Neuausrichtungen oder Glaubensfragen werden in einer Geistlichen Begleitung immer auch mit dem Gottesbezug beleuchtet. Eine Begleitung, die allen offensteht.
Von Monika Neidhart
Erschienen im Pfarreiblatt Uri Schwyz
Nadia Rudolf von Rohr leitet die Zentrale der Franziskanischen Laienbewegung (FG) der Deutschschweiz von Morschach aus. Die Fünfzigjährige hat neben einem Germanistik- und demnächst abgeschlossenen Theologiestudium auch eine Weiterbildung in Geistlicher Begleitung. Sie erklärt die Methode, nennt die Besonderheiten dieser Gesprächsform und zeigt deren Grenzen auf.
Was ist der Unterschied zwischen Geistlicher Begleitung und Coaching, resp. Psychotherapien?
Bei der Geistlichen Begleitung sind immer drei beteiligt: Die suchende Person, die Begleitung und Gott. Was im Gespräch thematisiert wird, wird auch im Licht Gottes betrachtet. Die religiöse Dimension ist es, die den Mehrwert ausmacht.
Geistliche Begleitende haben keine therapeutische Ausbildung. Psychische und körperliche Erkrankungen gehören in die Hände von Spezialisten. Da können wir allenfalls in Absprache mit den Fachleuten begleitend unterstützen.
Wann ist eine Geistliche Begleitung sinnvoll?
Die Sehnsucht nach Klärung, nach mehr Tiefe im Leben oder eine Unzufriedenheit im Alltag sind gute Ausgangslagen für eine Gesprächsbegleitung. Dabei kann es sich um Glaubensfragen, Schuldgefühle, zwischenmenschliche Probleme oder auch berufliche oder andere Neuorientierung handeln. All dies und mehr darf in einem geschützten Rahmen offengelegt werden, ohne gewertet oder beurteilt zu werden.
Welches Ziel hat die Geistliche Begleitung?
Es geht darum, die Verbindung zu Gott, zu mir selbst und zu den Mitmenschen bewusster wahrzunehmen und zu leben. Sind diese Dimensionen im Gleichgewicht, entstehen mehr Lebensfreude und gelingendes Leben. Dieses Ausbalancieren ist ein ständiges Bemühen.
Wie lange dabei eine Geistliche Begleitung sinnvoll ist, ist individuell verschieden. Der Gradmesser für die Anzahl der Gespräche ist der Prozess. Wenn die Fragen geklärt sind, oder es keine Entwicklung mehr gibt, ist es Zeit, die Begleitung zu beenden bzw. allenfalls ein anderes Gegenüber in Betracht zu ziehen.

Auf dem Weg nach Emmaus tritt Jesus zu den Jüngern hinzu und begleitet sie.
Bild: Janet Brooks-Gerloff
Welche Rolle hat die Begleitperson?
Sie hört vor allem aufmerksam zu. Sie stellt Fragen, deckt Vermeidungsstrategien auf, stösst an. Sie gibt jedoch keine Ratschläge. Sie kann zwar verschiedene Möglichkeiten der nächsten Schritte aufzeigen, hält sich aber mit ihrer Person und ihren Erfahrungen zurück. Erst recht mit Wertungen. In der Franziskanischen Tradition ist es eine Begegnung auf Augenhöhe ohne das Gefälle von «Meister – Lernende». Die Begleitperson hilft, die Fragen auf der Sachebene und auf der Beziehungsebene zu betrachten und bringt die transzendentale Dimension ins Spiel: «Was sagt Gott dazu?»
Warum ist Geistliche Begleitung zunehmend gefragt?
Die jüngere Generation ist nicht mehr selbstverständlich religiös sozialisiert. Die Sehnsucht nach Tiefe und Spiritualität im eigenen Leben bleibt jedoch bestehen. Gleichzeitig fallen bisherige Strukturen im familiären Umfeld und in den Pfarreien weg, weil u.a. das Personal fehlt. Hier kann Geistliche Begleitung eine Lücke schliessen.
Wo liegt der Ursprung der Geistlichen Begleitung?
Das ist wissenschaftlich wohl nicht im Detail aufgearbeitet. Die Idee selbst ist uralt, die gängige Form und Ausbildungen gibt es seit den 1970er Jahren. Die Beichtgespräche, die im katholischen Kontext nach dem 2. Vatikanischen Konzil möglich wurden, setzen ebenfalls auf Gesprächselemente. Sie enthalten die Absolution, die es in der Geistlichen Begleitung nicht gibt. Im biblischen Kontext könnte die Erzählung von den beiden Jüngern als Beispiel für eine geistliche Begleitung dienen, die an Ostern mit niedergeschlagener Stimmung nach Emmaus gingen. Dabei trafen sie Jesus, ohne ihn zu erkennen. Im Gespräch öffnete er ihnen die Augen und es brannte ihnen das Herz.
Die Offenheit für die religiöse Dimension macht das Besondere der Geistlichen Begleitung aus.
Nadia Rudolf von Rohr
Bild: zvg

Factbox: Geistliche Begleitung
Die Gespräche finden meist monatlich statt, bei Bedarf auch häufiger. Der Preis ist – je nach persönlicher Situation – individuell zu vereinbaren. Eine Liste von Begleiter*innen findet sich im Internet, auch Klöster und Pfarreien helfen gerne weiter.
